Zukunft denken
Laut Wissenschaftlern ist das eine „schlafende Superkraft“
Happy New Year!
Rund um den Jahreswechsel werden ja sehr gerne mehr oder weniger tiefsinnige Botschaften, Sprüche und Vorhaben in Umlauf gebracht. Man kann sich ihnen auch kaum entziehen. Selbst wenn man sich verordnet, wie das doch einige tun, die Online-Präsenz zwischen den Jahren signifikant zu reduzieren. Irgendjemand hat dann doch einige „Anregungen“ parat. Im besten Fall sind es Inspirationen zur Reflexion. Wie dem auch sei, eine Welle ist auch an mir vorbei gerauscht. Hängengeblieben sind zwei Aussagen. Einmal, dass 2026 ein phänomenales Jahr für den Widder werden soll. Ben mi sta, wer möchte kein Top-Jahr in Aussicht gestellt bekommen? Wie meist kommen diese Ansagen jedoch mit Bedingungen, in etwa so: altes loslassen (am besten ins Feuer werfen!), sich klar werden über die eigenen Intentionen etc etc. Ok, das kennen wir, kann jedoch nicht schaden.


Die zweite Aussage hat Florence Gaub getätigt. Die Politikwissenschaftlerin, Militärstrategin und Zukunftsforscherin, sie leitet als Direktorin den Forschungsbereich am NATO Defense College in Rom, blickt in Interviews gerne optimistisch in die Zukunft und hat etwas sehr Kluges gesagt: „Einen Fehler darf man nicht machen, und Optimismus mit Wunschdenken verwechseln. Optimismus denkt: hier gibt es verschiedene Möglichkeiten wie man die Situation positiv beeinflussen kann. Wunschdenken glaubt: es wird ganz sicher gut.“
Bei all den Turbulenzen in der Welt, ob weit weg oder nahe, ist das in meinen Augen ein sehr vernünftiger und praktikabler Ansatz. Zunächst mal um sich nicht geschlagen zu geben, aber auch um gut zu leben und fokussiert an Veränderungen weiterzuarbeiten. Da wir hier ja über einen besseren Umgang mit Mode und ihre hochkomplexen wirtschaftlichen, sozialen, ästhetischen, ökologischen, persönlichen und was weiß ich noch Bedingungen miteinander sprechen, wenden wir das doch gleich hier an. Zu glauben, dass ohne unser Zutun die Modeindustrie von selbst eine bessere wird, ist Wunschdenken. Nicht, dass ich unsere individuellen Schultern überlasten möchte, aber wir alle haben die Möglichkeit, die aktuelle Situation und damit weitere Entwicklungen positiv zu beeinflussen. Indem wir besser kaufen, Secondhand in unseren persönlichen Stil einbauen, unsere Sachen länger anziehen, sie gut pflegen und reparieren, gut weitergeben und im besten Fall möglichst viele mitnehmen auf diesem Weg.

Wie es der Zufall will, war ich vor kurzem in einem Museumsshop in München und was sehe ich da? Das Buch von Florence Gaub „Zukunft. Eine Bedienungsanleitung“. Ich habe es gleich gekauft und zu lesen begonnen. Wenn ich durch bin, werde ich sicher nochmals darauf zurückkommen. Fürs erste jedoch einige interessante Entdeckungen. Gaub betont, dass es, auch wenn wir Zukunft im Singular verwenden, verschiedene Versionen der Zukunft gibt. Sie spricht von Alltagszukunft, Zukunft unseres Lebens, Zukunft unserer Epoche und von heiliger Zukunft. Auf diese Zukünfte können wir unterschiedlich Einfluss nehmen. Je weiter die Zukunft in die Zukunft reicht, desto weniger können wir sie beeinflussen und desto pessimistischer sehen wir sie. Die alltägliche Zukunft ist easy, sie stellt Fragen wie: was essen wir heute, welchen Film schaue ich mir an, wohin gehe ich morgen usw. Da können wir ziemlich viel gestalten. Die Zukunft unseres Lebens ist auch noch recht gestaltbar. Hier geht es um typische Fragen wie: was studieren wir, wann fangen wir an zu arbeiten, zu heiraten, Kinder zu bekommen… Auf die Zukunft unserer Epoche haben wir schon einen viel geringeren Einfluss. Aber, sagt Gaub, „je stärker jemand im Allgemeinen der Auffassung ist, dass die Zukunft in unserer Hand liegt, desto optimistischer ist diese Person.“ Die vierte Zukunft, die sog. heilige Zukunft, reicht über unser Leben hinaus. Auch diese Zukunft „ist immer mit menschlicher Verantwortung verbunden“. Als Beispiele nennt Gaub den Tag des Jüngsten Gerichts im Christentum oder die Debatte um den Klimawandel und den Artenverlust. Der Unterschied zwischen der säkularen und religiösen Perspektive liege darin, dass bei der ersten die menschliche Verantwortung kollektiv und nicht individuell ist. Auch wenn wir zwischen diesen Zukünften hin und her schalten, denken wir, laut Gaub, viel zu wenig nach über die weiter entfernten Zukünfte und regt dazu an, auch diese (gemeinsamen) Zukünfte zu denken, zu planen und persönlich zu gestalten.
Weit in die Zukunft zu reisen müsse man lernen, sagt Florence Gaub, und spricht von einer „schlafenden Superkraft“. Wie das gehen kann, welche Rolle dabei das Tagträumen, Kreativität, Vorstellungskraft, aber auch Daten spielen, das wird in den späteren Kapiteln abgehandelt.

Was schließe ich zunächst daraus? In der alltäglichen Zukunft kann ich viel gestalten. Was kaufe ich? Wieviel? Lasse ich diesen Pulli reparieren? Wen unterstütze ich mit meinen Einkäufen? Wie verhalte ich mich? Wie kann ich ein Role Model für andere werden? Ich kann mir auch in der alltäglichen Zukunft vornehmen – ein guter Neujahrsvorsatz! – mehr über die anderen Zukünfte nachzudenken. Und dafür auch gleich Zeit einplanen. Überhaupt mehr reflektieren, innehalten, in die Luft schauen und sich von guten Beispielen inspirieren zu lassen. Je weiter ich (möglichst detailliert) vorausschaue, desto einfacher ist es offensichtlich schon heute bessere Entscheidungen zu treffen.

Florence Gaub schließt ihr Buch – ich habe vorausgeblättert – so: „Alle von uns haben die Fähigkeit, die Zukunft zu denken. Wer darin besonders gut werden möchte, sollte vor allem seinen Geist schärfen, nie aufgeben, gerne nachdenken, Fehler tolerieren, einen gewissen Sinn für das Leben haben, verschiedene Erfahrungen sammeln, viel lesen, Energie haben, sich selbst als kreatives Wesen zu begreifen, Risiken eingehen und nicht zuletzt: Wir sollten Veränderungen als normalen Teil des Lebens begreifen“.
In diesem Sinne, alles, alles Beste für dieses Jahr. Setzen wir alles dran, dass es ein gutes wird. Einen Wunsch habe ich noch: mich mit euch auf dieser Plattform mehr auszutauschen. Schreibt mir eure Anregungen, Erfahrungen, Wünsche, was euch wichtig ist und auch, was ihr hier gerne lesen möchtet.
Übrigens: Horoskope sind für Florence Gaub „die vielleicht berühmteste Form der Zukunftsfälschung”.
Yours,
Susanne
Und wenn ihr euch unterhaltsame Ins and Outs für 2026 anhören wollt, schaut vorbei bei Emma Chamberlain:



Sehr inspirierender Text, liebe Susanne, danke und alles Gute im Neuen