Was trägt die coole Frau?
Und: Wie wird man überhaupt als cool wahrgenommen?
Vor einiger Zeit fragte sich die Kolumnistin Sara Geisler im ZEITmagazin, ob es so etwas wie eine Formel für Coolness gäbe. Cool sein zu wollen ist ja eine relativ junge, moderne Ambition. Das Konzept gab es im antiken Griechenland sicher noch nicht. Elegant, ja. Gebildet, ja. Aber cool?
Sara Geisler kommt zum Schluss, dass Coolness durch eine gewisse Abweichung vom Normalen, durch einen Regelbruch zustande komme. Also zum Beispiel, wir sprechen hier von Mode, ein Smokinghemd zu Baggy Jeans oder Flip-Flops zum eleganten Kleid. Da gibt es jede Menge Möglichkeiten und auch jede Menge aktuelles Anschauungsmaterial. Aber Geisler sagt auch, dass, wenn das coole Outing zu inszeniert wirke, zu bemüht, es nicht mehr cool sei. „Nimmt der Bruch der Norm den Charakter eines Gesetzes an, verliert er seine Leichtigkeit, und aus Coolness wird Kälte.“

Das möchte ich etwas weiterdenken. Ich würde sagen, wir nehmen jemanden als cool wahr, der oder die etwas nicht so Vorhersehbares macht, sich aber dennoch nicht zu weit von der Mitte wegbewegt. Modisch bedeutet das, ein Stilbruch ja, aber nicht der totale Bruch. Unser Bezugssystem darf nicht zu sehr verwirrt und herausgefordert werden. Aber so ein bisschen schon.
Sara Geisler hatte ihr Coolness-Erweckungserlebnis, so schreibt sie, in Paris. Als sie einer Freundin begegnete, die zwar recht normal gekleidet war, aber statt bei klirrender Kälte einen Schal zu tragen, einen Pullover mit weitem Ausschnitt präsentierte. Ok. Seit einigen Jahren scheint es bei besonders ambitionierten Fashionistas cool zu sein, im Winter ohne Socken und Stutzen und Strümpfe in Sandalen und Loafers unterwegs zu sein. Oder mit V-Ausschnitten bis zum Bauchnabel. Oder mit Crop Top unter der Jacke. Hm. Finde ich nicht cool, weil Erkältungsalarm. Eigen- und Fremdwahrnehmung können da ganz schön auseinanderklaffen. Da wird auch schnell klar, Coolness ist sehr subjektiv.


Gerne wäre ich in meinen Jugendjahren cool gewesen. Hat aber nie wirklich funktioniert. Ich habe nie zu einer Gruppe gehört, weil ich auch nie zu einer gepasst habe. So wie ich mich anzog, zweifelten die „Progressiven“ an meiner Progressivität, den anderen wiederum war ich verdächtig, weil zu eigenwillig und eigenständig denkend. Ich gehörte nie einer Partei an, habe mich immer etwas links der Mitte gesehen, jedoch mit eigener Agenda. Ich schätze neben all den sozialen, gesellschafts-, umwelt- und klimapolitischen Anliegen, Selbstverantwortung und unternehmerische Kreativität. Soziale Marktwirtschaft im demokratischen Rahmen ist immer noch die beste Formel finde ich. Ganz und gar nicht perfekt, aber lebbar. Was ich damit sagen möchte: Ich war immer etwas zu weit weg vom jeweiligen Mainstream bzw. von dem Umfeld, in dem ich mich bewegte. Cool läuft da nicht.
Auch kleidungstechnisch ist das so. Ich kann für mich keinen besonderen Stil behaupten. Wie ich schon einige Male geschrieben habe, ziehe ich mich nicht nach Konzepten an. Natürlich habe ich Vorlieben, was mich anzieht und was weniger. Aber das ändert sich auch. Meist ziehe ich mich ziemlich spontan an. Kommt auch immer wieder mal was Komisches raus. Aber das lernte ich im Laufe der Jahre zu schätzen. Das bin eben ich. Inklusive der Unsicherheit, die mich ab und an heimsucht.


Wer und was cool ist, ist wie gesagt stark Kultur und Status gebunden. Jede Group hat ihre eigenen Codes. Für mich zum Beispiel kleiden sich Chloe Sevigny, Alexa Chung Leandra Medine Cohen oder Denise Soued cool, nicht jedoch Hailey Bieber, Bella Hadid oder Kylie Jenner. Zu glatt, zu viele OPs, zu AI getunt.
Was ich sonst noch cool finde? Das ist eine spontane Liste, wenn der NL draußen ist, fällt mir sicher noch alles möglich ein:
- Stil-Mix aus Vintage, Secondhand, alten (eigenen) Stücken und ab und zu mal was Neues.
- Sich für Kunst, Kultur, (Welt-) Politik und die Menschen um einen herum (und auch darüber hinaus) interessieren. Also viel lesen, viel anschauen, viel nachdenken und sich von interessanten, klugen Leuten inspirieren lassen.
- Sein eigenes Gesicht behalten. Das ist heute für uns Frauen wohl die größte Herausforderung. Hier trennt sich offensichtlich die Spreu vom Weizen.
- Social Media mit Entspanntheit nutzen und trotz all dem Infoschwall sein eigenes Ding machen. Gelingt mir leider nicht immer.
- Gute Manieren haben, freundlich sein und Sinn in dem finden, wo man gerade ist und was man gerade macht.

Da sich offensichtlich das Gros der Meinungsmacher*innen darin einig ist, dass Massentauglichkeit eher nicht cool ist, selbst wenn der vorhersehbare Regelbruch gewagt wird, habe ich ja vielleicht auf meine alten Tage noch eine Chance cool zu sein? Ein Mädchentraum würde in Erfüllung gehen!
Stay calm and carry on,
Susanne
Der erste Tipp ist in eigener Sache: Ich habe mich sehr gefreut, für den Circularity NL der Global Fashion Agenda einen Artikel zu schreiben. Hier ist er.
Der zweite Tipp ist ein Post von Liz Sunshine, den ich auf Substack gefunden habe: „Cool girls lead“.




Cool ist es substack mit style durchzuziehen 👞
So fesch und kreativ
Wow Effekt