Über Thermodynamik und die Zukunft von Ultra Fast Fashion
Ein Gespräch mit meinem Mann
Urban beschäftigt sich seit Jahren, eigentlich Jahrzehnten, mit Thermodynamik. Wenn er darüber spricht, glänzen seine Augen. Bei einem unserer letzten Spaziergänge hat er mir erklärt, wieso die Gesetze der Thermodynamik nahelegen, dass die Trump‘sche Politik scheitern werde. Es werde in kurzer Zeit soviel Spannung aufgebaut, dass eine Entladung – im Rahmen einer Implosion oder Explosion – unvermeidlich sei. Das hat mich interessiert. Ließe sich das auch auf das ausbeuterische System der Fast und Ultra Fast Fashion anwenden?
Ich hab Chat gefragt, Thermodynamik einfach zu erklären; Wiki ist zu kompliziert und meine leider unzureichende naturwissenschaftliche Bildung erlaubt mir nicht, das mit eigenen Worten zu tun. Ich weiß, dass es mehrere Hauptsätze gibt und dass es dabei um Energie geht. Mein Mann sagt, wenn wir bessere Grundkenntnisse in Chemie, Physik etc. hätten, würden sich viele strittige Themen in Luft auflösen. Viele Probleme entstünden, weil die meisten von uns hier schlichtweg keine Ahnung haben und auf jede Halbwahrheit reinfallen.

Also: Thermodynamik beschäftigt sich u.a. damit, wie Wärme, Energie und (physikalische) Arbeit zusammenhängen. Die wichtigsten Grundsätze dabei sind: 1. Energie geht nicht verloren, sie kann nicht verschwinden und nicht aus dem Nichts entstehen. Sie kann nur ihre Form ändern. 2. Wärme geht immer von warm zu kalt, niemals freiwillig umgekehrt. 3. Ordnung nimmt ab, bei jedem Vorgang geht ein Teil der Energie verloren und kann nicht mehr vollständig genutzt werden. Und 4. Temperatur ist nicht gleich Wärme.
Was das bedeutet und ob sich das in ein anderes Feld wie die Modeindustrie transferieren lässt bzw. welche Erkenntnisse wir aus der Physik dafür nutzen können, das frage ich nun direkt Urban:
Urban, wie erklärst du einem Laien Thermodynamik und ihre Gesetze?
Alles beginnt mit dem Urknall vor rund 13,7 Milliarden Jahren. Die gesamte Energie, die es in unserem Weltall gibt, war im Moment des Urknalls an einem Punkt konzentriert. Zur Einfachheit stellen wir uns diesen Punkt als Kugel vor. Diese Kugel ist explodiert, unendlich viele Energieteilchen dehnten sich aus und begannen das Weltall zu bilden. Die Energieteilchen befanden sich auf sehr hohen, jedoch unstabilen Energieebenen. Für mehr Stabilität muss ein Teil ihrer Energie abgebaut werden. Zerstören können sie die überschüssige Energie nicht – das ist nicht möglich – Energie kann weder erschaffen, noch zerstört werden, sie kann nur umgewandelt werden (1. Hauptsatz). Deshalb geben sie einen Teil ihrer Energie an die Umgebung ab, in Form von hochenergetischer Strahlung, Licht, Wärme usw. Wichtig dabei: Energie fließt spontan immer von höheren Energieebenen zu niedrigen (2. Hauptsatz). Das ist sehr vereinfacht das Wesentliche der Thermodynamik. Diese Regeln gelten universell, natürlich auch in unserem Sonnensystem und auf der Erde.
Lassen sich diese physikalischen Gesetze für andere Felder nutzen? Zum Beispiel für die Modeindustrie und ihre jüngsten Auswüchse Ultra Fast Fashion und Fast Fashion?
Spannende Frage. Aus der Thermodynamik wissen wir nun, dass Energie sich von „oben“ nach „unten“ bewegt. So betrachtet, entspricht der Trend in der Mode von Höherwertigem zu Minderwertigem den thermodynamischen Grundsätzen. Aber Fast und Ultra Fast Fashion bauen ein anderes Spannungsgefälle auf. Durch den unbedingten Willen billigst anzubieten, wird
a) die Ausbeutung der Mitarbeiterinnen und in der Folge die soziale Spannung in den Produktionsstätten immer größer,
b) die Umweltbelastung und in der Folge die ökologische Spannung immer höher,
c) die Qualität der Ware immer schlechter und in der Folge wächst auch die kommerzielle Spannung Richtung Kunden (cost per wear!).
Gemäß den Regeln der Thermodynamik werden sich diese Spannungsunterschiede irgendwann entladen. Wenn man rechtzeitig dran ist, kann das gestaltet werden. Wenn der Spannungsunterschied jedoch zu groß wird, geschieht die Entladung von selbst und plötzlich; in diesem Fall kollabiert das System. Wie dem auch sei, thermodynamisch betrachtet haben Fast und Ultra Fast Fashion keine lange Zukunft.
Das bedeutet, dass jede (Über-)Spannung nach Ausgleich sucht?
Ja, überall, wo es unterschiedliche Energieebenen gibt, besteht der Trend zum Ausgleich. Spannungs- bzw. Energieunterschiede erhalten kann man nur, wenn das System, das höhere Energie besitzt, isoliert ist – zum Beispiel Wasser wird in einem Stausee gesammelt und bleibt dort. Ein System auf eine höhere Energieebene zu befördern bzw. die Gesamtenergie eines Systems zu erhöhen ist möglich, aber nur, indem man zusätzliche Energie aufwendet – Wasser wird vom Tal in den Stausee gepumpt. Die zusätzliche Energie kommt von „außen”, von einem anderen Energiesystem.

Ich finde das sehr interessant. Mir ist natürlich klar, dass die Thermodynamik viel komplexer ist, aber Aspekte daraus können durchaus plausibel demonstrieren, dass sich Systeme, die mit großen Spannungsunterschieden arbeiten und versuchen, diese Unterschiede weiter und weiter treiben, nicht halten werden. Das sind gute Nachrichten!
Ich folgere daraus aber auch, dass es nicht vergebliche Mühe ist, das System Mode mit Energieaufwand in eine bessere Richtung zu bringen. Einige Anzeichen dazu gibt es ja.
Wenn ihr Fragen habt, schreibt mir. Ich leite sie an meinen Mann weiter.
Wünsche euch eine entspannte Woche, bis bald,
Susanne
P.s.: Vor kurzem war auf Business of Fashion zu lesen: „Brands are elevating their offerings to avoid competition with Shein on the low end or capture high-end shoppers squeezed out by luxury’s soaring prices, says the BoF-McKinsey State of Fashion 2026.“ Auch hier wird offensichtlich versucht, Spannungen auszugleichen. Den Bof-McKinsey Report könnt ihr hier lesen.




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