Über die Hose
Mein liebstes Kleidungsstück
Ich liebe Hosen. Das sieht man auch an meinem Kleiderschrank. Die Röcke sind an einer Hand abzählbar. Die Hosen auch an zwei Händen nicht. Mein erster Griff zu einem Kleidungsstück in der Früh ist der Griff nach einer Hose. Dass wir Frauen selbstverständlich und mit Freude Hosen tragen, ist noch gar nicht so lange her. Coco Chanel hat hier viel für uns getan. Sie gilt als eine der Pionierinnen der modischen, nicht nur praktischen Hose für Frauen. „Um während ihres Venedig-Urlaubs besser in die schaukelnden Gondeln steigen zu können, entwarf die Modeschöpferin in den 1920er Jahren eine Hose für sich selbst. Die sogenannten Yachting Pants waren geboren: eine weit geschnittene Hose für Freizeitaktivitäten, die Zweckmäßigkeit mit Eleganz kombinierte“, schrieb der Stern vor einigen Jahren in einem Artikel über Chanel. Leider versuchte Christian Dior nach dem Krieg das Rad wieder zurückzudrehen und Frauen in eng taillierte Kleider und Röcke zu stecken. Klappte aber nicht wie gewünscht.

Wie wir wissen: Bewegungsfreiheit ist auch Gestaltungsfreiheit.

Die Geschichte der Hose ist eine lange. Im Schnelldurchlauf: Sie begann vor tausenden von Jahren als Schutzbekleidung für Reiter. Die ältesten Belege stammen aus der Zeit um 1200 v. Chr. aus der Turfan-Senke in China. Ursprünglich bei Steppenvölkern (Skythen, Germanen) verbreitet, galt sie in der Antike bei Römern als barbarisch, entwickelte sich im europäischen Mittelalter zur Männermode und ist heute ein universelles Kleidungsstück für alle Geschlechter. Im Laufe der Jahrhunderte hat sich die Hose immer wieder gewandelt, in manchen Kulturen war sie Männern vorbehalten, in manchen Frauen, in Bezug auf Materialien, Farben, Schnitt und Styling gab und gibt es viele Unterschiede.
Amüsant und informativ ist diese Arte Doku, auf die ich vor einigen Monaten gestoßen bin und die danach fragt, ob Männer immer schon die Hosen anhatten? Hatten sie nicht. Das habe ich auch bei Barbara Vinken in ihrem Buch „Angezogen“ gelesen, übrigens eine sehr empfehlenswerte Geschichte der Mode.

Vor der Hose, trugen die Menschen Röcke oder Beinschläuche, die an einem Gurt hingen. „Erfunden“ wurde die Hose wie gesagt für das Sitzen auf einem Pferd, lange schaffte sie es jedoch nicht in den Alltag. Der Westen war hosentechnisch besonders rigide, der Osten offensichtlich entspannter.
Kennt ihr Amelia Bloomer? Sie lebte von 1818–1894. Die berühmte Bloomer-Hose ist nach ihr benannt, eine weite, bequeme Hose, die unterhalb des Knies gerafft ist. Die Frauenrechtlerin förderte weite Hosen, die unter langen Röcken getragen wurden, um Frauen mehr Bewegungsfreiheit zu ermöglichen. Der Kampf um gleiche Rechte, war also auch ein Kampf um die Hose. Ursprünglich als Kleidungsstück gegen einschränkende Mode eingeführt, feierte sie 2025 als bequemer Modetrend ein Comeback.


Eine der überzeugendsten und elegantesten modernen Hosenträgerinnen ist für mich Marlene Dietrich. Ein Hosenschnitt wurde eigens nach ihr benannt. Die Marlene-Hose, auch Marlene-Dietrich-Hose, bezeichnet eine aus der Herrenmode entlehnte, weite, gerade fallende Anzughose aus besonders weichen Wollstoffen und einer großen Fußweite bis 54 cm (Quelle: Wikipedia).
Wusstet ihr, dass es in Paris bis in dieses Jahrhundert nicht legal war Hosen zu tragen? Klar, niemand hat sich daran gehalten, aber das Gesetz wurde erst 2013 aufgehoben. Der Spiegel schrieb damals: „Die Verordnung stammte aus dem Jahr 1799, aus Zeiten der französischen Revolution. Frauen der Stadt mussten sich seitdem laut Gesetz eine offizielle Ausnahmeerlaubnis der Stadtregierung besorgen, wenn sie sich wie Männer anziehen wollten – oder sie riskierten, in Gewahrsam genommen zu werden. Das Gesetz hatte nicht etwa einen modischen Hintergrund, vielmehr sollte Frauen das Tragen eines der Symbole der Revolution verwehrt werden: Lange Hosen waren ein Zeichen der Arbeiterklasse, die sich so von der Kniebundhosen tragenden Oberklasse unterschied. Diese als ,Sansculottes‘, ,ohne Kniebundhosen‘, bekannt gewordenen Arbeiter waren das Rückgrat der französischen Revolution.“
Leider habe ich die Ausstellung „Wer hat die Hosen an“ im Weltmuseum in Wien versäumt. Die hätte ich gerne gesehen. Gezeigt wurden dort 56 Hosen aus 26 Ländern. Die ältesten zur Schau gestellten Beinkleider sind über 1.100 Jahre alt. Ich habe mir den Katalog bestellt und da ist sie wieder: Barbara Vinken, die über die Geschichte der Hose schreibt: „Heute gehört die Hose zu den Kleidungsstücken, die man anzieht ohne sich Gedanken zu machen. Sie ist fast alternativlos geworden. Ein Leben ohne Hose können sich die meisten, ob Frauen oder Männer, ob jung oder alt, nicht vorstellen“, schreibt sie in ihrem Katalogtext. Und: „Rock versus Hose ist seit dem 19. Jahrhundert zur Kurzformel für den Geschlechterunterschied geworden. Die Hose blieb bis ins 20. Jahrhundert eines der umstrittensten Kleidungsstücke. Klassenunterschiede und Geschlechterpolitik wurden nicht durch die Blume, sondern durch die Hose artikuliert.“

Ich mag viele Hosenschnitte. Was uns hosenmäßig steht, was wir gerne tragen, ist sehr individuell. Trend hin oder her. Passende Hosenschnitte zu finden, gelingt nur, wenn man viel probiert. Und Fehler macht. Mein größter Fehler waren Skinny Jeans. Nicht nur stehen sie mir nicht, sie sind auch unbequem (wenn man nicht auf überwiegend Plastik setzt). Ansonsten bin ich offen.


Früher trugen Männer Röcke und Kleider, heute tun das nur sehr ambitionierte Fashion-Männer. Oder Scheichs. Wir Frauen haben uns die Hosen geholt, wird also Zeit, dass sich die (westlichen) Männer Kleider und Röcke zurückholen. Ohne sich Spott anhören zu müssen oder sich in ihrer „Männlichkeit“ gekränkt zu fühlen.
In diesem Sinne: Hosen und Röcke für alle! Wobei ich mich lieber an die Hose halte.
Yours,
Susanne
Als Tipp empfehle ich euch den Ausstellungskatalog „Wer hat die Hosen an” des Weltmuseums Wien, der im Verlag der Buchhandlung Walther und Franz König erschienen ist. Mit einem sehr schönen Text von Barbara Vinken.




