Too old for Fashion?
Never.
Schaut man sich auf Laufstegen, bei Marketingkampagnen und auf den Socials um, junge Models und glatte Gesichter sind der Standard. Auch wenn seit einigen Jahren gerne hin und wieder mal ältere Leute eigesetzt werden, weil inklusiv dann doch irgendwie wichtig ist. Der politische Zeitgeist jedoch versucht das gerade wieder anders auszurichten. Ohne mich jetzt in die Tiefen der Gesellschaftstheorien und Schönheitsideale zu begeben, Mode und Alter ist ein Randthema. Eines, worüber man nicht viel spricht, weil uninteressant.
Wenn ich mir zum Beispiel auf Youtube Styling-Tipps für Mode über 50 anschaue, kommt mir das Gähnen. Frau sollte meinen, es gehe nur mehr darum „Problemzonen“ zu verstecken, auf neutrale Töne zu setzen und sich elegant in den Hintergrund zu vertschüssen. Aber auch das Gegenteil gibt es hin und wieder: Quietschfiedele Old Ladies in Schreifarben erzählen wie super cool das Alter ist. Well, ich würde sagen, wie meist liegt es irgendwo in der Mitte. Weder ist es sooo cool älter zu werden, es ist einfach so, noch kann es darum gehen, immer unsichtbarer zu werden.

Sich mit Ü 50 wie eine 20jährige zu kleiden kann nicht das Thema sein, Beige-Töne haben aber auch ihre Style-Grenzen. So, how to nail this? Das ist natürlich sehr individuell, wie fast alles, was persönlichen Ausdruck/Stil betrifft sehr individuell ist. Unsere Vorlieben verändern sich mit unseren Lebensphasen, ebenso unsere Körper. Bis zu einem gewissen Grad haben wir das jedoch auch selbst in der Hand. Ich zum Beispiel möchte mein Gesicht behalten, daher keine invasiven Eingriffe, ich halte wenig davon vor sich selbst davonzulaufen. Gute Pflege ja, aber keine aufgeblasenen Lippen, Wangen und zurechtgezurrte Züge. Das gilt wie gesagt für mich, ich mische mich da bei niemandem ein. Dass unsere Körper jedoch seit vielen Jahrhunderten Schauplatz unendlich vieler Projektionen und Herrschaftsansprüche sind, ist leider eine Tatsache. Daher gilt es wachsam zu sein und sich, wenn möglich, nicht zu viel dreinreden zu lassen.

Es gibt online einige ältere Role Models, die über 70jährige Linda Wright zum Beispiel. Schaut gut aus, was sie trägt, finde ich. Dennoch sollte das höchstens Inspiration sein, nicht copy paste. Vermutlich tun sich die Mädels, die mit den Socials aufgewachsen sind jedoch noch viel schwerer, so etwas wie einen eigenen Stil zu entwickeln. Der Druck der sozialen Medien ist enorm. Das ist schade, denn nie zuvor konnten wir uns so selbstbestimmt kleiden.
Die deutsche Vogue hat übrigens dem Thema Mode und Alter im März einen ausführlichen Artikel gewidmet. Ein Fotograf wird da zitiert, er sagt u.a.: „Die Gesellschaft ist so diskriminierend gegenüber dem Älterwerden und in diesem Kontext besonders gegenüber Frauen. … Die stilvollsten älteren Menschen halten sich nicht an Regeln – und das ist einer der Gründe, warum sie zu wahren Stilikonen werden.“

Kleide ich mich heute anders als noch vor 20 Jahren? Sicher. Aber nicht grundlegend. Einiges ist auch dem älter werden geschuldet. Manches verändert sich, manches bleibt. Bei mir zum Beispiel die Freude, mich mit dem, was ich anziehe, auszudrücken. Ich probiere gerne was aus, das geht auch immer wieder mal daneben, aber das macht nichts. Wenn ich mir alte Fotos anschaue, dann würde ich sagen, zieht sich mein Mix aus boyish, playful, sophisticated ziemlich durch - hier hab ich vor einiger Zeit über die 3-Words Methode den eigenen Stil zu beschreiben von Allison Bornstein geschrieben.

Zu eng und zu kurz mochte ich nie, heute noch weniger, oberarmfrei hängt von der Tagesverfassung ab, Skinny Jeans sind auch nicht meine Sache. Wichtig ist mir, mich in dem, was ich trage wohlzufühlen, gleichzeitig aber auch wie eine zeitgemäße Version von mir zu fühlen. Mode ist wichtig für mich. Sich gut und stark und klug und sexy zu fühlen ist wichtig. Das Alter verändert all das nur in Nuancen.

Was sich jedoch verändert hat für mich in den letzten Jahren, ist meine Einstellung zur Modeindustrie. Auch wenn ich Mode liebe, die Industrie in ihrer konventionellen Form ist meist richtig übel. Ausbeutend und verschmutzend. Darüber schreibe ich seit sechs Jahren und engagiere mich für eine bessere Modeindustrie. Es ist wichtig in meinen Augen, ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, wie wir mit unserer Kleidung umgehen, wie wir einkaufen, wen wir unterstützen, wen nicht. Nennt es wie ihr wollt: Shop your own closet. Styling over Shopping. Less is More. Secondhand first. No (Ultra)-Fast Fashion.


Wenn ich mir anschaue, welche Newsletter ich lese und was mich inspiriert, so sind das meist Outfits von jüngeren Frauen als ich. Aber wie gesagt, es geht nicht darum, auf jung zu machen, Inspirationen sind dazu da, sich inspirieren zu lassen und sie für sich und seinen Stil umzusetzen. Und der darf ruhig alterslos(er) sein.


Was ich am Ende mit all dem sagen möchte? Freude an Mode hängt nicht vom Alter ab. Wir älteren Ladies sind nun mal schon länger hier unterwegs, haben viel gesehen und erlebt. Mut und Selbstbewusstsein uns individuell auszudrücken sollten wir doch eigentlich genug haben oder?
Alles Beste,
Susanne
Und als Tipp heute nochmals eine Radio-Episode von „Wie geht Zukunft?” Da habe ich mit Sabine Loh und Frank Mau über Slow Communication gesprochen. Alles wird gefühlt immer schneller. Wie damit umgehen? Das Gespräch ist interessant geworden.




