Too hot for Fashion?
Die Sonne knallte wochenlang herunter. 36, 37, 38 Grad. In Bozen zeigte sich die zweite – oder schon die dritte? – Hitzewelle dieses Sommers ziemlich unnachgiebig. Dass sich die Hitzeperioden fast jedes Jahr steigern, muss ich glaub ich hier nicht betonen, auch wenn es gerade bei einigen schick zu sein scheint, den Klimawandel runterzuspielen oder gar zu negieren. In Bozen sind viele Wohnungen und Häuser noch nicht mit Klimaanlagen ausgestattet, das wird sich sicher ändern in den nächsten Jahren. Wir haben gewartet, bis wir das mit grüner Energie vom Dach machen können, und da das Gesetz für denkmalgeschützte Häuser vor kurzem verändert wurde, können wir das Projekt nun in Angriff nehmen.
Ich arbeite viel zu Hause, das heißt in diesen Zeiten, so minimal bekleidet zu sein wie möglich, in Unterwäsche oder einem weiten T-Shirt. Mehrmals am Tag duschen und am Abend ein wenig Zugluft herstellen. Ich möchte jedoch nicht jammern, es könnte viel schlimmer sein bzw. für viele ist es das bereits.
Über das, was ich anziehe, mache ich mir nur insofern Gedanken, als dass es möglichst wenig anliegend und aus möglichst leichten, atmungsaktiven Materialien ist. Wie man bei diesen Temperaturen Polyester tragen kann ist mir ein Rätsel. Ich trage einige alte Leinenkleider, Bermudas aus Baumwolle und weite T-Shirts. Ziemlich uninspiriert und unambitioniert, aber zu viel mehr reicht es untertags nicht. „Ästhetik“, hat Miuccia Prada vor kurzem in einem Interview mit dem Zeitmagazin gesagt, „ist etwas für gute Zeiten. Wenn man positiv drauf ist, kann man sich mit Mode beschäftigen“. Ich stimme diesem Zitat zwar nur überwiegend zu, muss aber sagen, dass, wenn die Innentemperatur Richtung 30 Grad steigt, ich nicht mehr allzu positiv drauf bin und mich Mode, besser vielleicht, was ich anhabe, nur mehr begrenzt interessiert.
Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille. Wirklich dramatisch ist, was sich in den Fabriken der Produktionsländer abspielt. Wo Arbeiter*innen zum Teil gezwungen werden bei über 40 Grad 10, 11, 12 und mehr Stunden zu arbeiten. Ohne Klimaanlagen, ohne ausreichend Wasser und ohne ausreichende Pausen. Die Wetterextreme nehmen dort noch schneller zu als bei uns. Mit all den Konsequenzen. „The pace is punishing under normal circumstances, with high production quotas meaning workers don’t have time to pause, even to go to the bathroom or grab a glass of water. As temperatures soared, the situation turned from discomforting to dangerous“, schreibt BoF Sustainability Journalistin Sarah Kent im April 2024. Schon im Dezember 2022 schreibt sie, „Fashion Needs Climate Survival Strategies“. Bisher ist jedoch nicht allzu viel geschehen. Aber es bräuchte dringend, neben globalen Strategien, konkrete Maßnahmen für die Menschen, die unsere Kleider herstellen und entsprechend zukunftsfähige Road Maps für die Fabriken und die Brands selbst. All das kostet Geld und die Frage ist, wer soll das bezahlen?

Bei uns geht’s leider mehr oder weniger weiter als gäbe es kein Morgen. Online und offline wird massenweise Neuware geshoppt. Vor allem Fast und Ultra-Fast Fashion schrauben die Produktionsmengen immer weiter nach oben. Aber nicht nur sie. Auch die Luxusindustrie kann sich da nicht wegducken. Die ökologischen und sozialen Folgen sind verheerend. Gerade hat die Boston Consulting Group bekannt gegeben, dass jedes Jahr in etwa 120 Millionen Tonnen Textilmüll entstehen. Das ist ungefähr soviel Müll wie in über 200 Fußballstadien passt. Der geschätzte Wert dieses Abfalls beläuft sich dabei auf etwa 130 Milliarden Euro. Das ist eine unglaubliche Verschwendung von Ressourcen. Quellen: FAZ und Deutschlandfunk
Ich glaube, es ist wichtig, zumindest informiert darüber zu sein, was sich hinter den Kulissen der Modeindustrie abspielt. Deshalb habe ich vor einigen Jahren auch das Business of Fashion Abo gemacht, es ist teuer, aber für meine Arbeit unverzichtbar. Die Sustainability Berichterstattung ist die beste, die ich kenne, vor allem die kontinuierlichste. Sarah Kent ist eine großartige Journalistin. Solltet ihr Lust haben, zu den eben besprochenen Themen mehr zu erfahren, empfehle ich ein BoF Probe-Abo (ich werde nicht dafür bezahlt) und folgende Artikel:
4. Juli 2025: The World Is Getting Warmer. Fashion Thinks It Can Handle the Heat
4. Juni 2024: What Happens When It’s Too Hot to Make Fashion?
22. November 2024: What Will Happen to Fashion If the World Misses Its Climate
7. August 2023: Is Fashion Sleepwalking Into the Climate Crisis?
21. Juli 2023: Too hot to handle?
1.12.2022: Fashion Needs Climate Survival Strategies
Bald ist die Hitze vorbei und ich vergesse das Unwohlsein auch wieder schnell. Was ich, wir, allerdings nicht vergessen sollten: Das zu tun, was in unserem Einflussbereich liegt, um diese Industrie besser zu machen. Und das schaut natürlich bei jeder und jedem etwas anders aus. Für mich heißt das in erster Linie: Secondhand first, am besten lokal, und wenn neu, so bewusst als möglich kaufen. Darüber hinaus Kleidung gut pflegen, reparieren und wenn notwendig, gut weitergeben. By the way: Es geht mir nicht darum, Spielverderberin zu sein, Mode kann und soll Freude machen, aber wenn möglich, nicht auf Kosten so vieler anderer.
In der Zwischenzeit regnet es auch immer wieder mal, es ist kühler geworden, noch nicht wirklich „Sweater Weather“, aber lange dauerts nicht mehr.
Yours,
Susanne





