The 80ies are coming for us
Was hat das mit unserer aktuellen Befindlichkeit zu tun?
Das Fashion Stil-Karussell dreht sich ständig weiter. Das macht Mode auch aus. Abgesehen von den krassen Auswüchsen – Trends entwickeln sich immer schneller und dauern kürzer, Algorithmen steuern unsere Vorlieben, Überproduktion und Überkonsum drohen uns zu ersticken – begleitet Mode den sich verändernden Zeitgeist. Manchmal zitiert sie ihn nur, manchmal nimmt sie auch das ein oder andere vorweg. Das wird jedoch seltener, da die Kollektionen vor allem auf Massentauglichkeit ausgerichtet sind. Der Druck der großen Fashion-Player auf Designer*innen ist inzwischen sehr groß, wer nicht entsprechend performt – also die Quartalszahlen nicht stimmen – wird ausgetauscht. Hier habe ich vor einiger Zeit darüber geschrieben.
Die Frage, die ich mir immer wieder stelle: Greifen Designer*innen mangels der Unmöglichkeit ständig neuer Ideen auf frühere Epochen als Stilmittel zurück oder entspricht der jeweilige Rückgriff aktuellen gesellschaftlichen Zuständen und Befindlichkeiten? Wird wohl beides zutreffen. Bei manchen Designer*innen expliziter als bei anderen. Nach den modisch recycelten Nullerjahren, die Genz Z mit großer Begeisterung aufgegriffen hat, einem dezenten Streifen der 90er Jahre, kommen nun die 80er Jahre richtig groß daher. Mit all ihren Widersprüchen und Kontrasten. Die Powerschultern bei Saint Laurent lassen grüßen. „Das Schulterpolster zählt rückblickend zu den zentralen modischen Insignien der Achtziger“, schreibt der Autor und Kolumnist Jens Balzer in seinem Buch „High Energy. Die Achtziger – das pulsierende Jahrzehnt“.
1985 habe ich in Innsbruck bei den Ursulinen meine Matura gemacht, 1990 schloss ich mein Jus-Studium in Wien ab. Es waren bewegte Jahre, in meinem Kopf einiges an Verwirrung und Unklarheit darüber, was ich machen möchte und wie das so alles läuft im Leben. Diese „neue Unübersichtlichkeit“ (Jürgen Habermas) spielte sich jedoch nicht nur in meinem Kopf ab, sondern war prägendes Element dieser Jahre. Gesellschaftlich war die Zeit durch große Widersprüche gekennzeichnet. Man denke an Ronald Reagan und Maggie Thatcher, die Anti-Atomkraft Bewegung, die Golfkriege, Hausbesetzungen in Berlin, Tschernobyl, der Mauerfall, Hedonismus, Luxus und Glamour sind zurück bei gleichzeitig größer werdendem Umweltbewusstsein…
Die Mode der 80er Jahre spiegelte u.a. auch einen Wandel im Lebensstil wider bzw. die Auseinandersetzungen darüber. Es war eine Zeit, in der mehr, mehr war, mit breiten Schultern, leuchtenden Farben, großen Mustern und auffälligen Accessoires. Stichwort „Power Dressing“. Wer erinnert sich nicht an Alexis Carrington Colby aus „Dynasty“ und ihre Power Suits?


Hier einige der wichtigsten Merkmale der 80er Jahre Mode:
- Schulterpolster: eine starke, kantige Silhouette war angesagt.
- Neonfarben und leuchtende Muster: Pink, Grün, Gelb und Blau waren beliebt, oft kombiniert mit auffälligen Mustern wie Kreisen, Streifen und Wellenlinien.
- Oversize-Schnitte: Kleidung wurde oft übergroß getragen.
- Karottenhosen: Wer erinnert sich nicht daran? Eng an den Knöcheln und weiter an Hüfte und Oberschenkeln, oft in Acid-Waschung oder anderen speziellen Waschungen.
- Leggings und Stulpen: inspiriert von Aerobic-Trends und Tanzfilmen.
- Statement-Schmuck: Große Ohrringe, Ketten und Armbänder waren ein Muss, um den Look zu vervollständigen.
Am liebsten alles wild durcheinander. Mix and Match war angesagt, um einen einzigartigen und auffälligen Look zu erzielen.


Vor kurzem habe ich den Roman „Aufprall” von Karin Wieland, Bettina Munk und Heinz Bude gelesen. Er spielt im Berlin der 1980er Jahre vor dem Mauerfall. Alle drei waren aktiv in die Hausbesetzungen und politischen Auseinandersetzungen dieser Zeit involviert. Heute ist Karin Wieland Schriftstellerin, Heinz Bude Soziologe und Bettina Munk Künstlerin. Ich hatte Gelegenheit bei Karin Wieland nachzufragen, was ihr zur stilistischen Rückkehr der 80er Jahre einfällt? Sie sagt: „Ich glaube schon, dass sich in der Mode etwas vergegenständlicht, was die jeweilige Zeit mitbringt. Schlabberlook und Unisex sind heute vorbei, die Dinge zeigen sich wieder. Damals in den 80er Jahren waren die breiten Schultern noch ein Empowerment. Ob es das heute noch so braucht wie damals, glaube ich nicht, aber man kann es den Frauen nicht mehr nehmen. Für diesen Look muss man aufrecht stehen, nicht wie beim Schlabberlook, der zum rumfläzen einlädt. Weder die, die gegen autoritäre Systeme sind, noch die, die sie vertreten, können sich dieses Formlose leisten. Kontur ist angesagt. Egal ob man etwas durchsetzen oder sich dagegen zur Wehr setzen möchte.”
Dass die aktuelle Mode Stilelemente der 1980er Jahre feiert, passt also gut zur heutigen Befindlichkeit. Waren es damals der starke Aufstieg konservativer Kräfte im Westen und das Ende des Kalten Krieges im Osten, sind es heute totalitär-faschistische Tendenzen, die Sehnsucht nach Nation, Tradition und Heimat als Rettungsanker vor zuviel Unübersichtlichkeit, die die Zeit prägen. Im Westen wie im Osten, mit unterschiedlichen Intensitäten und Mitteln. In diesem Sinne bye bye Slouchy Athleisure und Quiet Luxury.
Ob Schulterpolster etc. dabei helfen können das alles zu überstehen? Vermutlich nur sehr bedingt. Nichts desto trotz brauchen wir starke Schultern, um all dem etwas entgegenzusetzen.
Stay strong,
Susanne
Im Tipp heute das bereits erwähnte Buch von Jens Balzer „High Energy. Die Achziger – das pulsierende Jahrzehnt (Rowohlt Verlag) und der Roman „Aufprall“ von Heinz Bude, Bettina Munk und Karin Wieland (Hanser Verlag).
Und wer noch mehr aktuelles Eighties Stil-Feeling sehen möchte. Bitte sehr. Leider kommen diese Artikel immer auch mit Verkaufsempfehlungen daher, aber die könnt ihr ja ignorieren.







Super Artikel und ganz tolle Fotos! Freue mich auf den #secondhandseptember mit dir!!
Auch im Männer Bereich waren die 80iger großartig, vor allem imho die letzten wirklich experimentierfreudigen 🤗