Sind deine Looks cringe?
Über modischen Zeitgeist und mögliche Cringe-Näpfchen.
Vor einiger Zeit hat The Guardian Fashion-Lady Jess Cartner-Morley über modische „Out-of-touch”-Looks geschrieben und unter anderem gefragt: „Trägst du immer noch eine Cross-Body-Bag und steckst dein Hemd in die Hose? Tut mir leid, aber deine Garderobe ist cringe”. Cringe ins Deutsche übersetzt bedeutet peinlich.

Jess Cartner-Morleys wöchentliche Kolumne war mit ausschlaggebend, dass ich den Guardian abonnierte, weil ich es nicht fair fand, die Artikel immer gratis zu lesen. Ich freue mich jede Woche auf ihre modischen Betrachtungen. Sie sind klug, kurzweilig und very british.
In ihrer Cringe-Kolumne habe ich mich sofort wiedererkannt. Ich trage ab und zu eine Cross-Body-Bag, vor allem wenn es praktisch sein soll, und stecke auch Hemd/T-Shirt/Pullover in die Hose (Half Tuck). „Wenn du enge Kleidung trägst”, schreibt sie weiter, „und deine Knöchel zeigst, solltest du vielleicht ein paar grundlegende Änderungen vornehmen”. Zu enge Kleidung trage ich eher nicht, meine Knöchel sieht man jedoch hin und wieder. In einige offensichtliche Cringe-Näpfchen trete ich also ungebremst hinein.
„Cringe zu sein“, schreibt Jess an anderer Stelle „bedeutet im Grunde genommen, altmodisch zu sein, sogar noch etwas mehr. Cringe ist, wenn man den Anschluss verliert und sich gleichzeitig einredet, dass man immer noch bei den Kids angesagt ist.“
Das ist eine flotte Ansage. Mit dem Verwischen der Grenzen, was Mann und Frau in welchem Alter tun und wie das aussieht, verwischen auch Grenzen, die zu wahren vielleicht manchmal keine schlechte Idee wäre? Sich mit 40, 50, 60 anstrengen wie 20, 30 auszusehen? Die beste Freundin der Tochter sein wollen und ihren Stil zu imitieren? Hm. Gleichzeitig ist es eine wunderbare Sache, dass wir tun können, was wir wollen, zumindest das, wozu wir den Mut haben. Kleidung, Mode hat immer auch mit Lebensfreude zu tun. Und Lebensfreude mit Neugierde und Lust auf Ausprobieren. Ich habe mir zum Beispiel noch nie Styling-Tipps oder Inspirationen bei einschlägigen over 50ies Formaten abgeholt.
Schon gelesen?
Jede Generation hat ihre Codes, das ist auch gut so. Und diese Codes verändern sich. Gerade laufen viele junge Mädchen bis zur Ununterscheidbarkeit in den gleichen Klamotten herum. Weite Hose, enges, kurzes Oberteil, der Puffer wurde heuer mit der kurzen Kunstfell-Jacke (😥) ersetzt. Das wirkt ziemlich cringe, da bin ich gerne altmodisch. Im Ausdruck mehr kreative Freiheit und spielerische Varianz zu haben ist mir wichtig, auch rückt das Bedürfnis des Dazugehörens mit dem älter werden immer weiter in den Hintergrund. So erfahre ich es jedenfalls. Jess Cartner-Morley erweitert ihre Cringe-Betrachtungen auch um diese Aussage: „Altmodisch sein passiert, wenn man mit Anmut und Würde älter wird.“
Ganz aus dem Zeitgeist herauszufallen, denke ich, ist nochmal etwas anderes. Mode lebt von Abwechslung, das war immer so und das ist grundsätzlich nichts Verwerfliches. Die Zeitläufte verändern sich, die Gesellschaft, die Herausforderungen und wir ebenso. Gleich bleibt gar nichts. Aus bestimmten Looks und Stilen und Formen wächst man einfach heraus bzw. nimmt sie vielleicht erst wieder nach Jahren hinein ins eigene Repertoire. Gute Stücke haben das Potential über Jahre und Jahrzehnte Teil unserer Garderobe zu sein. Immer wieder frischen Wind jedoch in den Kleiderschrank zu bekommen, finde ich wichtig. Dass das am besten durch Styling geht, betone ich hier ja regelmäßig.

Also was nun? Jess Cartner-Morley hat wie meist eine gute Antwort parat: „Wie viele meiner Zeitgenossen mache ich mir gerne etwas vor, was mein Alter angeht. Ich bin überzeugt, dass ich noch jung bin – bei der richtigen Beleuchtung – und habe nicht die Absicht, mich von dieser Überzeugung abbringen zu lassen. Ich lade euch also ein, dies als einen Weckruf zu betrachten. Die Kids werden die Mode immer wieder neu erfinden, und wir werden uns weiterhin blamieren, wenn wir versuchen, mitzuhalten. Aber wenn peinlich zu sein der Preis dafür ist, sich lebendig zu fühlen, dann ist das meiner Meinung nach ein guter Deal.“
Sehr gut gesagt. Und auch sehr wahr. Ich fühle mich Jahre jünger als ich aussehe. Jede entscheidet natürlich selbst, wie weit sie sich (bei den Kids) „blamieren“ möchte. Sich in seiner Haut und seinen Looks wohl zu fühlen, etwaige Peinlichkeiten selbstbewusst zu tragen, ist jedoch das beste Vorbild, das man den Jungen, die ja auch älter werden, geben kann.

Wie seht ihr das?
Have a good rest of the week,
Susanne
Im Tipp eine ganz aktuelle Reihe des Ö1-Radiokollegs über das Aufräumen und die (Un-)Ordnung der Dinge. Ich habe noch nicht alle Teile gehört, werde das aber am Wochenende tun. Ordnung ist ein wichtiges Thema für mich, da werde ich auch mal was drüber schreiben.








Danke ich glaube ich liebe cringe
Most cringe ist jedem Modetrend zu folgen. Very cringe, weil angepasst und vlt lässt sich das auf sämtliche Lebensbereiche übertragen - gruselig:) and real cringe love it. Noch besser, wenn cringe und modisch Mix, so wie es gefällt.