Individuelle Konformität?
Über den Balanceakt zwischen Anpassung an soziale Erwartungen und Bewahren der eigenen Individualität
Individuelle Konformität – diesen Ausdruck habe ich vor kurzem gelesen, leider kann ich ihn nicht mehr einer Person, einem Artikel zuordnen. Diese Beschreibung unseres Stilverhaltens beschäftigt mich immer wieder. Einerseits sind wir, zumindest im Westen, so frei, wie nie zuvor (noch!), uns so auszudrücken, wie wir möchten, andererseits schaut das alles doch recht ähnlich aus. Stichwort: Global Streetstyle. Da gibt’s einen Insta-Account, der das sehr anschaulich macht. Ich erinnere mich auch an eine Schulklasse am Flughafen vor ein, zwei Jahren: an die 20 Mädchen, alle lange Haare, Mittelscheitel, Crop Top, Mom Jeans, Sneakers und Täschchen an der Schulter. Bei allem Verständnis für Jugendliche auf der Suche nach einer Identität, einem Zugehörigkeitsgefühl, das war befremdlich.
Aber sind wir älteren und alten soviel anders? Vermutlich nicht ganz so uniformiert, aber doch recht gestreamlined. Klar, es gibt immer Ausnahmen. Gleichzeitig finde ich den, ebenfalls netzgesteuerten, Drang zu „Authentizität“, zum wahren Ausdruck, etwas mühsam. In meiner Arbeit als Journalistin und als Coach geht es mir sehr wohl darum das eigene Denken, den eigenen Ausdruck, Selbstbewusstsein und Selbstwahrnehmung zu stärken, aber nicht im Sinne eines fast esoterisch anmutenden Authentizitätsgefasels. Sich ernst zu nehmen ist wichtig, aber nicht zu wichtig. Die Demonstration des „besonders individuell Seins“ kann anstrengend werden und übers Ziel hinausschießen. Man schaue sich nur die überbemühten Street Styles auf den Fashion Weeks an.

Letzte Woche habe ich das Buch von Jens Balzer über die 80er Jahre empfohlen, und da zitiert er an einer Stelle den Philosophen Michel Foucault: „Die Beziehungen, die wir zu uns selbst unterhalten, sind keine Identitätsbeziehungen; sie müssen eher Beziehungen der Differenzierung, der Schöpfung und der Innovation sein.“ Das hat mir gefallen, denn das bedeutet für mich, dass da etwas in uns in Bewegung ist. Ich bin ja großer „Fan“ von Geburtstags-Glückwünschen in Provinzblättern, wo es so gerne heißt: „Bleib so, wie du bist Josef, Luise, Franz, Melanie!“ Veränderung, die Möglichkeit von Unübersichtlichkeit und Kontrollverlust, verschreckt, also bitte bleib immer so, wie wir es kennen und möchten. Well.
Wir erleben verschiedene Lebensphasen, Höhen und Tiefen. Wer sich da nicht durchschleicht, sondern seinen Themen stellt, verändert sich. Und das drückt sich auch darin aus, wie wir uns kleiden, was uns gefällt, was wir von uns zeigen möchten und was nicht.

Ich habe vorher gesagt, dass wir doch ziemlich frei leben, aber so ganz stimmt das auch nicht mehr. Die digitale Gesellschaft ist nur eine oberflächlich freie. War es vielleicht früher eine von Normen besessene Gesellschaft, gegen die revoltiert wurde, leben wir heute eher in einer von Algorithmen gesteuerten und manipulierten Gesellschaft. Wir können uns so neu erfinden wie wir wollen, der Algorithmus und jetzt auch KI ist (fast) immer schon früher da. Ich möchte hier jedoch kein Kultur-Untergangs-Gejammer anstimmen, denn natürlich gibt es immer Nischen und Mittel und Wege sich da seinen eigenen Weg durchzubahnen ohne aus der Zeit herauszufallen.

So what to do? Ich empfehle Humor und spielerisches Umgehen mit sich und seinem persönlichen Ausdruck. Wenn wir schon nicht am Steuer sitzen, dann steuern wir zumindest mit. Auch wenn nicht mehr als individuelle Konformität herauskommt. Aber das ist ja schon was.
Wie seht ihr das?
Have a good week,
Susanne
Im Tipp ein NL Artikel von Leandra Medine Cohen, Autorin, Man Repeller Gründerin und laut New York Post „Professional Dresser”: „Big Change Dressing. A lookbook of outfits underscored by the desire for a new path towards originality”.




loved it!
Ja genau - diese Spannung zwischen Individualität und Konformität, zwischen Ernst und Spiel bringst Du auf den Punkt:
„Mode vergeht, Stil bleibt.“(YSL): Vielleicht besteht wahre „Stilintelligenz“ nicht darin, sich permanent von allen anderen abzugrenzen, sondern darin, bewusst zu wählen, welche Normen wir annehmen und welche wir ironisch brechen?
Foucaults Gedanke der „Beziehung der Differenzierung“ verstehe ich hier so: Wir tragen unsere Veränderung nicht nur im Herzen oder im Kopf, sondern auch auf der Haut – in Farben, Schnitten, Mustern. Ist das nicht wie ein stilles Tagebuch, das jeder sehen kann, aber nicht jeder lesen wird.
Vielleicht ist „individuelle Konformität“ also kein Widerspruch, sondern eine Art gesellschaftliches Kostümspiel? Wir erfüllen genug Erwartungen, um uns verständlich zu machen – und weichen gerade so weit ab, dass wir uns selbst erkennen, um also nicht zu verschwinden?
Erinnert mich irgendwie an Jean Paul Gaultier: „Ich liebe die Regeln. Aber ich liebe es auch, sie zu brechen.“ Vielleicht ist Stil ja einfach das Ergebnis dieses Tanzes zwischen Anpassung und Regelbruch – und wer ihn mit Humor tanzt, hat schon gewonnen? Und genau da, im Humor und im kleinen Regelbruch, liegt da nicht die, unsere Freiheit?
Dir ein stil-volles Wochenende ;-)