Es sind schwierige Zeiten für Slow Fashion
Über meine Arbeit und über wie wenig angesagt gerade einige Themen sind
Die Welt wird politisch immer wahnsinniger, immer unvorhersehbarer. Und natürlich frage ich mich, ob es Zeiten sind, in denen man sich, in diesem Fall ich, mit Themen rund um Mode beschäftigen sollte. Ob es nicht anderes zu tun gäbe. Seit sechs Jahren schreibe ich nun über nachhaltige und faire Mode, über Slow Fashion. Seit August 2019 auf franzmagazine und seit kurzem hier auf Substack. Darüberhinaus halte ich Vorträge, mache Workshops, habe die Plattform Fashion For Future Bolzano mitbegründet, baue die lokale Slow Fashion Community mit auf, nehme an Gesprächsrunden teil und coache unter anderem zum Thema persönlicher Stil und Ausdruck. Was mich in diesen Jahren angetrieben hat und weiter antreibt, darüber denke ich viel nach. Es ist wohl die Mischung aus politischen, sozialen, ökologischen und kreativ-ästhetischen Themen. Mit dem, was wir tragen, zeigen wir, wer wir sind, welche Werte uns wichtig sind. Mode ist mehr, als sich gedankenlos etwas Neues überzuwerfen.
Um zur Ausgangsfrage zurückzukommen: mir ist diese Arbeit überaus wichtig und ich glaube, dass ich ein mini-kleines bisschen dazu beitragen kann, dass sich hier etwas verändert. Immer wieder sagt und schreibt mir jemand, dass sie nun anders mit Mode umgehe, bewusster einkaufe, viel mehr auf Secondhand setze. Das freut mich. Auch Fashion For Future bekommt jedes Jahr mehr Sichtbarkeit. Abgesehen davon, macht mir die Beschäftigung mit Slow Fashion sehr viel Freude. Die spielerische, kreative Seite der Mode hat etwas in mein Leben gebracht, das ich lange vermisste. Mich nur politisch mit Nachhaltigkeit und sozialen Themen zu beschäftigen, wäre mir persönlich zuwenig.






Mode ist ein Thema, das uns alle angeht. Im Guten wie im Schlechten. Dass die Industrie ausbeutend und ungerecht ist, das haben viele in der Zwischenzeit verstanden. Jetzt sind wir gefordert, das auch umzusetzen und an Lösungen zu arbeiten. International und lokal. Auch darum geht es mir: innovativen Projekten mehr Sichtbarkeit zu geben, Brands vorstellen, die es schon besser machen, neue Formate, die neue Leute ansprechen entwickeln, Style-Inspirationen geben, spannende Persönlichkeiten portraitieren, aktuelle Themen aufgreifen und sie auf meine Art und Weise interpretieren. Und dabei zu zeigen, dass Slow Fashion längst heraus ist aus der Öko-Stil-Ecke. Ich möchte Mut machen, persönlichen Stil zu entwickeln und den auch auszudrücken. Kreatives Styling statt trendgesteuert ständig neues kaufen.

Man muss nur ein wenig an der glitzernden Fassade kratzen und hinter die Kulissen schauen, um besser zu verstehen wie die Textil-/Modeindustrie arbeitet. Eine Notiz am Rande: Aus dem jüngsten „Nachhaltigkeitsbericht” des chinesischen Ultra-Fast Fashion Anbieters Shein geht hervor, dass seine die Erde erwärmenden Emissionen im vergangenen Jahr um mehr als 20 Prozent auf 26 Millionen Tonnen Kohlendioxid-Äquivalent gestiegen sind. Das entspricht etwa 26 Millionen Hin- und Rückflügen von London nach New York. Das ist ein CO2-Fußabdruck, der größer ist als der des Zara-Eigentümers Inditex und der H&M Group zusammen. (Quelle Sarah Kent, Business of Fashion)

Nachhaltigkeit und Fairness sind leider Themen, die gerade wenig angesagt sind. In den letzten Jahren hat sich einiges zusammengebraut, das nicht gerade förderlich ist für den Erfolg besser produzierter Mode. Die Pandemie wirft immer noch ihre Schatten, viele kleine Labels haben diese Zeit nicht oder nur schlecht überlebt. Umgeben von steigender politischer und wirtschaftlicher Unsicherheit, haben viele Menschen verständlicherweise andere Sorgen als sich um Slow Fashion Themen zu kümmern. Auch wenn das Thema Nachhaltigkeit nicht ganz aus den Köpfen und aus den Marketingbotschaften verschwunden ist, hat es sich eher zu einem Reizwort, als zu einem Zukunftsversprechen entwickelt. Wenn es um Produktions- oder Kaufentscheidungen geht, steht fast ausschließlich der Preis im Vordergrund. Da kann gut produzierte Bekleidung nicht mithalten. Eine transparente Lieferkette, hochwertige Materialien und faire Löhne haben ihren Preis. Auch fehlen die riesigen Marketingbudgets der großen Player. Fast Fashion und Ultra-Fast Fashion schrauben die Preisspirale immer weiter nach unten, die Luxusindustrie schraubt sie weiter nach oben. Und in der Mitte ist es schwierig. Einige bekannte und weniger bekannte Label und Projekte mussten aufhören, auch in Südtirol.

Allein in Italien haben letztes Jahr an die 2000 Manufakturen im Textilbereich zugesperrt (Quelle BoF). Erwartet wird, dass es heuer noch mehr sein werden. Auch hier kommen verschiedene Gründe zusammen. Aber letztendlich geht es immer darum, ob sich eine Produktion in Europa noch auszahlt, ob die Konsument*innen bereit sind dafür zu bezahlen und ob es den politischen Willen gibt, diese Betriebe zu unterstützen.
Das alles aber sollte uns nicht davon abhalten, mit den jeweils zur Verfügung stehenden Mitteln weiterzumachen. Mich hält es jedenfalls nicht ab. Jede und jeder kann einen (kleinen) Beitrag leisten. Wichtig ist mir jedoch auch, Humor und Lebensfreude nicht zu verlieren. Also: weiter geht’s. Und danke, dass ihr mich lest und unterstützt.

Yours thanksfully,
Susanne
Als Tipp heute ein Video, das ich vor kurzem auf dem Youtube Kanal von Arte gesehen habe. Es geht darum, wie Europa gegen Temu, Shein und Co gegensteuern kann.




Interessant- ich sehe das zur Zeit sogar ein wenig anders. Habe bei den letzten Spaziergängen in Wien einerseits leidenschaftlich geführte kleine (nachhaltige) Mode-Unternehmen gefunden, bei denen der Rubel rollt und andererseits entdecke ich bei mehr und mehr großen Marken nachhaltige, entsprechend zertifizierte Teile.
Das wiederum lässt mich für mich die Frage aufwerfen, ob mein Einsatz überhaupt noch nötig ist.
great article <3